KURZE BIOBIBLIOGRAFIE

Giovanni Raboni wurde 1932 in Mailand geboren. Er war leitend in Verlagen tätig, wirkte dann weiter als Verlagsberater und als Kulturjournalist. Er schrieb für die Zeitschrift „Paragone“ (deren Redaktionskomitee er noch immer angehört), für Tageszeitungen wie „La Stampa“, „Il Messagero“, für die Wochenzeitung „Europeo“ und für Kulturprogramme des staatlichen Rundfunks RAI. Seit 1987 ist er fester Mitarbeiter des „Corriere della Sera“, wo er über zehn Jahre lang für die Theaterkritik zuständig war und jetzt Literatur- und Kulturkritik veröffentlicht. Für den Verlag Guanda leitete er die „Quaderni della Fenice“ sowie die beiden ersten Jahrgänge der neuen Reihe der „Ilustrazione Italiana“. Für den Verlag Marsilio hat er eine Reihe zeitgenössischer italienischer Dichtung herausgegeben, zur Zeit leitete er eine Reihe für italienische und ausländische Dichtung des Verlags Scheiwiller.

Seine erste Gedichtsammlung, L’insalubrietà dell’aria (Die ungesunde Luft) erschien 1963 im Verlag Scheiwiller. Es folgten Le case della Vetra (Die Häuser von La Vetra; Mondadori 1966), Cadenze d’inganno (Abgebrochene Kadenzen; Mondadori 1975), Nel grave sogno (Im schweren Traum; Mondadori 1982), Canzonette mortali (Sterbliche Liedchen (Crocetti 1986), A tanto caro sangue (Soviel teurem Blut, Mondadori 1988), Versi guerrieri e amorosi (Kriegs- und Liebesverse; (Einaudi 1990), Ogni terzo pensiero (Jeder dritte Gedanke; Mondadori 1993, Premio Viareggio 1994). Seine gesammelten Gedichte bis 1993 erschienen unter dem Titel Tutte le poesie 1997 im Verlag Garzanti und wurden 1997 mit dem Premio Internazionale Mondello und 1998 mit dem Premio Bagutta ausgezeichnet. Im Herbst 2000 erschien eine aktualisierte Neuausgabe von Tutte le poesie und die erste Ausgabe des Bühnenpoems Rappresentazione della croce (Darstellung des Kreuzes) bei Garzanti, die Uraufführung fand in der Spielzeit 2000-2001 im Teatro Biondo Stabile in Palermo statt.

Prosaveröffentlichen sind die Erzählungen La fossa del Cherubino (Die Grube des Cherubins, Guanda 1980) und ein politisch-kulturelles Tagebuch der Jahre 1988-1991, Devozioni perverse (Perverse Devotionen, Rizzoli 1994). Seine Literaturkritik ist u.a. gesammelt in Poesia degli anni Sessanta (Dichtung der sechziger Jahre, Editori Riuniti 1976), I bei tempi dei brutti libri (Die schönen Zeiten der hässlichen Bücher, Transeuropa 1988). 1980 erschien eine Anthologie zeitgenössischer italienischer Dichtung, Poesia italiana contemporanea (Sansoni). Von den Übersetzungen, vorwiegend aus dem Französischen, seien genannt: Baudelaire, Le fleurs du mal (Mondadori 1973 und 1996, Einaudi 1987 und 1992), Apollinaire, Bestiaire (Guanda 1977, Tea 1995), Racine, Phèdre (Rizzoli), Hugo, Ruy Blas (Einaudi) sowie die Gesamtausgabe von Proust, A la recherche du temps perdu (vier Bände, Mondadori 1983-1993), 1994 in Lissabon mit dem Premio Aristeion ausgezeichnet.

Eine Gedichtauswahl in englischer Sprache, herausgegeben von Stuart Friebert und Vinio Rossi erschien 1985 in der Reihe der Wesleyan University Press Middletown, Connecticut; in französischer Sprache ist bei Gallimard der Band A tanto caro sangue in Vorbereitung, herausgegeben von Bernard Simeone.

(Verfasst von Giovanni Raboni, 2002)

G. Raboni, «Akzente», XLVII, Heft 2, April 2000, ss. 157-62; Uebersetzung von Ch. Wolter e P.-E. Leuschner.

A. Wortmann, Giovanni Raboni: ‘Le nozze’, in Italienische Lyrik des 20. Jahrhunderts in Einzelinterpretationen, Herausgegeben von M. Lentzen, Erich Schmidt Verlag, Berlin 2000, ss. 304-16.

Ch. Wolter, Zwischen dem Nichts und dem Herzen, «Neue Zürcher Zeitung», 3-4 März 2001.

H. Helbling, Zwischen Traum und Tag. Zum Tod des Dichters Giovanni Raboni, «Neue Zürcher Zeitung», 18-19 September 2004.

F. Haas, Italienische Alarmgedichte, «Neue Zürcher Zeitung», 2 März 2006.

SELBSTPORTRÄT

Als ich geboren wurde, wohnten meine Eltern in der Via San Gregorio. Es war weder ein altes noch ein neues Haus, ich glaube, es stammte – wie viele andere Häuser in jenem Teil von Mailand – aus den Jahren um den Ersten Weltkrieg. Früher befand sich der Bahnhof in dieser Gegend; ich glaube, bei mir zuhause konnte man von den Fenstern aus die Gleise sehen. Aber als ich geboren wurde, 1932, sah man die Gleise nicht mehr, sie waren nicht mehr da: und aus dem Fenster des Zimmers, in dem ich mit meinem älteren Bruder schlief, sah man auf ein undefinierbares Gelände hinaus, das an Peripherie erinnerte, auch wenn wir in Wirklichkeit nicht in der Peripherie waren. Dieses undefinierbare Gelände belebte sich – vor allem nachmittags, und vor allem Samstag nachmittags – mit Kinderspielen. Sie spielten Fußball, Krieg, Indianer. Vielleicht sollte ich sagen: wir spielten; ich halte es für sehr wahrscheinlich, dass ich an diesen Spielen teilgenommen habe, ich habe jedoch keine klare Erinnerung daran. Genau erinnere ich mich dagegen, den anderen Jungen beim Spielen zugeschaut zu haben. Es waren bezaubernde Spiele. Jenes Fenster ist mit Sicherheit einer der Orte, oder besser der Situationen, die mich dazu getrieben haben, Dichter zu werden und Gedichte schreiben zu wollen. Lange Zeit habe ich gedacht, dass ein Gedicht wie jenes Fenster sein müsste. Ein Gedicht, so schien mir, ist wie eine Glasscheibe, durch die man viele Dinge sehen konnte – vielleicht sogar alle Dinge; jedoch eine Glasscheibe, und der Umstand, dass das Glas durchsichtig war, war nicht wichtiger als der, dass das Glas dazwischenstand, dass es mich isolierte, mich schützte. Die Spiele waren jenseits der Glassscheibe, während ich diesseits stand. Vermutlich wird es mir nie gelingen, den außerordentlichen Zauber dieser Situation verständlich zu machen. Fest steht dagegen auf jeden Fall, dass es mein größtes Bestreben war, jene Art von Zauber oder, wenn man will, von Privileg wiederzufinden, als ich begonnen habe, Gedichte zu schreiben. Aus jedem Gedicht hätte ich gern eine eisern geschützte und durchsichtige Beobachtungswarte gemacht, eine Beobachtungswarte, um das Leben anzuschauen – vielleicht heißt das, um es nicht zu leben. Natürlich beginnt die Geschichte dessen, was ich jetzt als meine Poesie betrachte, später; sie beginnt, denke ich, gerade mit der Verneinung, mit dem Verzicht auf all das: das Fenster, die Beobachtungswarte, die Durchsichtigkeit. Aber die Angelegenheit ist wohl noch nicht ganz ausgestanden, zumindest in meinem Unbewussten, wenn es mir noch vor wenigen Jahren passieren konnte, dieses Gedicht zu schreiben, nachdem ich es, wie ich glaube, zumindest zum Teil wirklich geträumt hatte.

Wie blind, beklommen, gegen

Gewitter und Hagel schloss

ich eines nach dem anderen

sieben Fenster.

Wichtig war, dass ich nicht wusste, welche.

Erst im Morgengrauen, zitternd,

mit der grausigen Kleinlichkeit dessen, der aufwacht oder stirbt,

verstehe ich: ich bin gekrochen

im gewohnten Dunkel,

in der Via San Gregorio, erster Stock.

Diesseits meiner Kinder,

der Möglichkeit, das Wort zu erteilen oder zu ergreifen.

Die wahre Geschichte meiner Poesie beginnt mit dem Verzicht auf den Traum glücklicher Selbstausgrenzung, der meine Jugend beherrschte und der vielleicht zu den Anfängen eines jeden Dichters gehört. Es ist unnötig zu präzisieren, dass dieser Verzicht für mich mit dem Eintritt in das Erwachsenenalter zusammenfiel. Nicht nur aus Koketterie oder aus Nostalgie möchte ich vielmehr versuchen, auch diese andere und reifere Phase meiner Poesie und meines Lebens mit dem Ort zu verbinden, an dem ich geboren wurde – mit meiner Stadt, und, innerhalb meiner Stadt, mit meinem Zuhause. 1821 wurde der große Mailänder Dichter Carlo Porta nach seinem Tod auf dem Friedhof von San Gregorio begraben. Und ich möchte flüchtig daran erinnern, dass gerade mit Porta in der italienischen Dichtung jene lombardische Tradition beginnt, die über Manzoni bis zu Tessa, Sereni und Rebora führt, von der ich meine, dass sie etwas grundsätzlich Anderes ist als das, was die Geschichtsschreibung des Novecento unter “linea lombarda” versteht – von der ich nie recht verstanden habe, was sie eigentlich sein soll.

Dann gab es noch eine Entdeckung hinsichtlich der Via San Gregorio: die Entdeckung, dass ein Abschnitt der Straße, in der ich lebte, mit der Begrenzung des Lazzaretto, des Seuchenhauses, zusammenfiel – das Lazarett der großen Pest in Mailand, von der Manzoni in den Promessi Sposi und in der Storia della colonna infame spricht. Ein Stück der Umfassungsmauer des Lazaretts ist noch zu sehen. Ich bin überzeugt, dass diese zweite Entdeckung für mich noch wichtiger als die erste war. Dank des Lazaretts, der Tatsache, sozusagen an seinem Rand geboren zu sein, glaube ich, mir auf eine konkrete, physische Art und Weise – eine Art und Weise, die mir kein Buch, keine Lektüre erlaubt hätte –bewusst geworden zu sein, dass meine Stadt nicht nur die war, die ich sah, Häuser, Straßen, Plätze, lebendige Leute, sondern auch voller Geschichte war, das heißt Häuser, Straßen, Plätze, die nicht mehr da waren, und Leute, die nicht mehr lebten, tote Leute. Ich wurde mir also bewusst, dass meine sichtbare Stadt voller unsichtbarer Geschichte war, und dass diese Geschichte ihrerseits voller Schmerz, Gefahren und Angst war. Von dem Augenblick an ist, glaube ich, das Thema der Pest in meine Poesie getreten: der metaphorischen Pest, versteht sich: Pest als Ansteckung und Verdammnis, als Kreislauf und Anonymität der Ungerechtigkeit. (“L’approdo letterario”, XXII, Nr. 77-78 N.S., Juni 1977)

Manzoni muss da sein in meinen Gedichten, er kann nicht fehlen – da sein, das ist klar, wie ein schwacher, brüchiger Widerschein, oder nur wie ein Gewissensbiss. Wäre er nicht da, dann bedeutete das, dass auch ich nicht da wäre, dass meine Gedichte, wortwörtlich, von jemand anderem sind. Doch jenseits dieses Glaubens oder, wenn man so will, dieser Petitio Principii vermute ich, dass es möglich ist, einige Indizien, einige objektivere Elemente ausfindig zu machen. Die Themen der Ungerechtigkeit, der Verfolgung, des unbilligen Prozesses, der zu Unrecht verfolgten und bestraften Unschuld; das ausdrückliche oder implizite Bild der Stadt als Schauplatz der Pest, als Behälter jeder möglichen körperlichen und seelischen Ansteckung; die Neigung, Orte, Umstände und Dokumente mit gleichmütiger Gewissenhaftigkeit und heimlicher Leidenschaft zu erwähnen; die Verwendung von Abschwächung, Zurückhaltung und Ironie, um die Empörung, die Bestürzung und das Erbarmen aussprechbar zu machen: all diese Dinge (…) kommen, ohne Zweifel, von Manzoni, sie sind die Beweise, die Stigmata meiner manzonianischen Leidenschaft, meiner Manzonität (oder mit den Worten von Gianfranco Contini: die Leuchtanzeige für die eingeschaltete „Manzoni-Funktion“ in meinem Empfinden und Schreiben). Ohne dabei, wegen übertriebener Offenkundigkeit, die wörtlichen Huldigungen, die Zitate zu berücksichtigen: die untori in “Una città come questa”, zum Beispiel. (Raboni-Manzoni, Il ventaglio, 1985)

Eine Stadt wie diese

ist letztlich nicht, um darin zu leben: eher

geht man an bestimmten Mauern entlang,

durch bestimmte Gassen (nicht weit

vom Ort der Hinrichtungen), und

mit nasaler Stimme

fragt man gierig, hastig: ist es nicht hier

wo sie ihre Tüten hinwarfen, die Pestverbreiter?

Meine altesten Gedichte (…) gehen auf die Kindheit, auf die Jugendjahre zurück. Es sind Gedichte, die ich um die fünfziger Jahre geschrieben habe, als ich achtzehn war, und die Episoden aus der Leidensgeschichte Christi schildern. Um 1950, als aus der Jugend allmählich Reife wurde, haben sich für mich grundlegende Dinge ereignet. An der Scala gab es eine wunderbare Konzertsaison, in der alle Meisterwerke der geistlichen Musik zu hören waren, vom Vespro della Beata Vergine bis zu Brahms’ Deutschem Requiem. Eine für mich absolut grundlegende Erfahrung. Außerdem spürte man auf literarischem Gebiet, und speziell in der Lyrik, jene Lust auf einen Bruch, darauf, den Lyrismus der dreißiger Jahre zu verlassen, an dem ich mich geschult hatte. Man spürte das Bedürfnis nach einer diskursiveren, erzählenderen, realitätsverhafteteren Dichtung. Und in dieser Phase gab es, über die außerordentliche Erfahrung der geistlichen Musik hinaus, außer den ersten Erfahrungen als Malerei- und Skulpturliebhaber – das erste Mal das Portal von San Zeno in Verona oder die Basreliefs von Chartres gesehen zu haben ist Teil dieser Lehrzeit – vor allem die Lektüre großer angelsächsischer Dichter, Eliot vor allem, der in seinem gesamten Werk die Möglichkeit und den Anspruch bewies, zu dichten, indem er von sich und der eigenen Zeit sprach, doch durch das objektive Korrelat, etwas objektiv schon Existierendes oder bereits Erzähltes. All das hat mich auf das Evangelium als Inspirationsquelle geführt, als Möglichkeit der Neu-Erzählung und des Neu-Ausdrucks. Dann habe ich andere Gedichte geschrieben, in denen der Evangelien-Text übernommen, aber zugleich in Unordnung gebracht wurde durch das Einfügen einiger zeitgenössischer Elemente, um sie auch zu einem Spiegel des Heute zu machen. Es war eine List, ein Mittel, um endlich von mir zu sprechen, und von meiner Zeit und von dem, was ich um mich herum sah, ohne mich dabei jedoch einer direkten Erforschung der Wirklichkeit auszusetzen, das heißt, indem ich mich eben eines mächtigen objektiven Korrelats bediente, das in der Menschheitsgeschichte schon so große Dienste geleistet hatte, in der Malerei, in der Bildhauerei, in der Musik. Diese Initiation zu dem Mut, mit meiner Stimme zu sprechen und nicht mehr, indem ich mir die Stimmen der Dichter auslieh, die ich bewunderte und liebte, kam mir, so glaube ich, aus dieser Idee, die evangelische Erzählung mit jener Distanz nachzuzeichnen, mit der Entfernung, den unterschiedlichen Blickwinkeln, der Neigung, indirekt vorzugehen, anders ins Bild zu nehmen und allmählich auch, die Hauptfigur zu eliminieren und auf die Statisten zu setzen, wie ich es von den großen Vorbildern der Vergangenheit gelernt hatte.

Dann war von entscheidender Bedeutung die Entdeckung der Stadt als Metapher, sagen wir, als Metapher des Lebens, als Kontakt mit alledem, was das Dasein an Problematischem, Beunruhigendem, Begeisternden bietet. Und ab da bin ich, nachdem ich in den ersten Jahren dichterischen Schreibens ein… ein Neu-Erzähler bereits erzählter Geschichten gewesen war, bin ich ein Dichter städtischer Geschichten geworden, von Erzählungen, die der Stadt, ihren Problemen, ihren Dramen, ihren Unruhen verhaftet waren. Das ist die Zeit, die wahrscheinlich meine Persönlichkeit als Schriftsteller und Dichter endgültig geprägt hat. (Lo stratagemma della Passione, in Le parole del sacro. L’esperienza religiosa nella letteratura italiana, Atti del convegno, S. Salvatore Monferrato, 8.-9. Mai 2003)

Kino am Nachmittag

Fast immer um diese Zeit

kommen etwas besondere Leute hin (doch

von bestem Aussehen). Mancher setzt sich hin

wechselt dann aber ständig seinen Platz,

mancher steht, im Hintergrund des Saals, und wittert,

wittert seltene Vorbeigehende, das halbblöde

Mädchen, die Dame, die allein hereintritt,

die humpelnde junge Frau… Ich seh sie an um herauszufinden

was ihre Geschichte ist, wer sie jagt. Wenn

das Licht kommt denke ich, wie das Herz

sich ihnen krampfen muss beim Versuch,

etwas weiter in Sicherheit zu sein, einzusinken

in das Dunkel, das in einer Minute wiederkehrt.

Das ist jetzt so ein Beispiel von… städtischer Dichtung, einer Dichtung also, in der das unruhige Leben einer großen Stadt, ihre Merkwürdigkeiten, ihre bisweilen auch schäbigen Aspekte, ihre Figuren von Außenseitern, von Unglücklichen, von Verkrachten und so weiter, also, so würde ich sagen, in den Vordergrund kommt. Es ist von neuem, wenn man so will, ein Mittel, sich selbst durch Anderes zu erzählen, durch das, was um uns herum ist. In diesen Jahren – wir sind am Ende der fünfziger, in den frühen sechziger Jahren – fällt es mir noch schwer, von mir in der Ichform zu sprechen, noch ist das, was mich interessiert, mein Verhältnis zur Wirklichkeit zu beurkunden: wie früher durch die erhabene Metapher der evangelischen Erzählung, so jetzt durch die Figuren, durch die Wirklichkeit der wiederentdeckten Stadt, der geliebten Stadt, zudem, denn, wie ich vorher sagte, war es in der Tat für mich ein Verlieben in die Stadt: eine Verliebtheit, die jetzt noch andauert, nach so vielen Jahren, auch wenn sich die Stadt verändert hat, auch wenn sie sehr viel unechter ist (zumindest erscheint es mir so) als sie damals war, sehr viel ärmer an Menschlichkeit und auch an Dramen. Aber sie ist eben noch der Ort, an dem ich es nicht schaffe, nicht zu leben. (Pantheon. Le ragioni della vita, Interview mit G. Raboni, RAI Nettuno SAT 1, 4. Januar 2004)

Wenn ich die Via Andegari entlanggehe, denke ich daran, dass dort meine Großeltern wohnten, die ich nie kennen gelernt habe, alle sind sie vor meiner Geburt gestorben. Diese Tatsache, nie mit den Alten gelebt zu haben, bringt ein wenig durcheinander, man hat keine Anleitung für das Alter. Und ich bin schon Großvater. (“la Repubblica”, 3.-4. Februar 1991)

Die Toten und die Wahren

Im feuchten Haus erscheint das Wenige,

das trocken ist, noch trockener:

in den Schlafzimmern im ersten Stock

der Boden aus fast weißen,

nicht gebohnerten Brettern

mit Abständen dazwischen; unten, im Billard-

Saal, das Elfenbein der im Kreuz aufgestellten

Kegel… (Früher oder später geh ich wieder hin

das Haus der Freunde anzuschauen

wo dir um ein Haar ein Kind geboren wäre

– er kam zwei Tage später – und man wartete,

abends, dass das Gewitter ein wenig Abkühlung

auch nach Mailand brächte. Fahl

entlang der Wände, mit Gesichtern von Zuhältern

oder von Heuchlern, kontrollierten

obskure lombardische Vorfahren

die Rechnung der Eier

und der Käselaibe: mit List, und einer Menge

Gänsekiele. Man lachte über sie

mit Abscheu. Aber vielleicht ist es letzten Endes richtig

so? Besser als unsere Wahren, zerstreute

Leute, melancholisch

aufgrund subtilerer Laster, wer kann sagen

ob es nicht jene Art von Vorfahren ist

die unser Sohn vorgeben wird zu haben, lachend

über sie, ihnen den Rücken kehrend

wie niemand je zu tun vermochte!)

Mailand bleibt weiterhin die Szenerie meines Lebens und folglich meiner Einbildungskraft, meines Empfindens, meiner Art, auf das zu reagieren, was in der Wirklichkeit und in meinem Kopf geschieht. Aber im Vergleich zu den Zeiten von Le case della vetra denke ich, dass sich diese Szenerie stark verinnerlicht hat, dass sie, wenn man so sagen kann, einen Großteil ihrer „Wörtlichkeit“ verloren hat und somit ihrer unmittelbaren Aussprechbarkeit; und dies, glaube ich, weil ich – wie es vielleicht allen geht, wenn man älter wird – seit einigen Jahren geneigt bin, viel stärker in mich und viel weniger außerhalb von mir zu schauen, anders gesagt also, weil ich das Mailand, das mich am meisten betrifft und bewegt, inzwischen vor allem in der Erinnerung wiederfinde. (Milano, la città e la memoria, 2001)

Das Gedicht La guerra ist ganz und gar autobiographisch, es ist eine Erinnerung an meinen Vater, an den außerordentlichen Opfermut, mit dem er, der die Stadt nicht verlassen konnte, jeden Abend und jeden Morgen ständig zwischen der Stadt und dem Land hin und her reiste, wohin wir geflüchtet waren, um das gemeinsame Leben bloß nicht zu unterbrechen. Dieser Opfermut, diese Hingabe, die mich immer rührt, wird mit meinen persönlichen Versäumnissen gegenüber meinen Kindern verglichen. Im allgemeinen geht mein Leben in die Dichtung ein, und das in zunehmendem Maße: als ich sehr jung war, hatte ich einerseits weniger Leben, das ich in die Dichtung aufnehmen konnte, andererseits hatte ich größere Ängste davor, es darin aufzunehmen. Das erklärt das System objektiver Korrelate, das die erste Phase meiner Dichtung charakterisiert. Später ist mein Leben entweder als Erinnerung, als Überdenken der Vergangenheit eingedrungen, oder als Direktaufnahme, als Aufzeichnung von Gefühlen. Jetzt kehre ich dagegen ein wenig dazu zurück, mich in bereits kodifizierten Geschichten widerzuspiegeln, mich vielleicht darin zu verstecken,. (Conversazioni d’autore. Dialoghi fra scrittori e studenti di un liceo, hrsg. von G. Prosperi, Vorwort von G. Armellini, Bologna, Pendragon, 2003):

Der Krieg

Ich habe die Jahre meines Vaters – habe beinahe

seine Hände: die Finger vor allem, die Nägel,

gekrümmt und etwas dick, mit Halbmonden (meine aber

ohne das Braun des Nikotins)

als er, zerknittert und tadellos, auf Zügen und Bussen

unter Maschinengewehrfeuer reiste

und uns ruhigen Feriengästen

außer Schussweite und außerhalb der Saison

in seiner schönen leichten Tasche

die seltsamen Vorräte jener Jahre brachte, Schmelzkäse, Marmelade

ohne Zucker, Brot ohne Hefe,

Bilder der verdunkelten Stadt, der zerfleischten Stadt

die so süß waren, ich erinnere mich, unserem Herzen.

Wir schauten mit Schrecken auf seine Jahre.

Von unten hinauf, aus der Niederung meines

Zweitgeborenseins, murmelte ich ab und zu

für seine Herzkranzgefäße ein Gebet.

Jetzt, nachdem er so lange

eingegangen ist ins Nichts und ich ihm

Tag um Tag zum Bruder werde, in Kürze ein

älterer, weiserer Bruder, möchte ich so gerne wissen

ob auch meine Kinder manchmal beten, für mich.

Doch sofort sag ich mir, mir selbst widersprechend,

aber nicht doch, das wäre ja noch schöner, niemand ist

weniger als ich zwischen ihnen und mir gereist,

dass das, was ich ihnen gegeben habe, was war das

für ein Essen? da war keine Nahrung in meinem Fortgehen

wie ein Dieb, und Zurückkehren mit leeren Händen…

Ein armer Krieg, flach und feige,

der meine, sag ich mir, so arm

an Beharren, an Gehorsam. Und bete

dass sie es bleiben lassen, dass nicht für mich

sie Lust bekommen zu beten.

Ich glaube, dieses Gefühl von Versäumnis, das sich zu einem bestimmten Zeitpunkt auf das Verhältnis zu meinen Kindern fokussiert hat, irgendwie schon vorher da war. Auch bevor ich mich von ihnen entfernte, hatte ich in der Tat das ganz und gar irrationale Gefühl, irgendeine wichtige Verabredung versäumt zu haben, mit meinen Eltern zum Beispiel, zu denen ich doch ein sehr gutes Verhältnis hatte. Vielleicht hat die Tatsache, dass mein Vater und meine Mutter so schnell gestorben sind, dazu geführt, dass ich mich unbewusst ein wenig schuldig fühlte, so als ob ich nicht in der Lage gewesen wäre, sie zurückzuhalten. Dann hat sich dieses Gefühl von Versäumnis auf vernünftigere Weise an meinen Kindern festgemacht, denen gegenüber ich mich als wirklich unzulänglich erwiesen habe. Dennoch denke ich, dass sich etwas, und sei es auch irrational, früher herausgebildet hatte. (aus dem Interview in “Poesia”, XVI, Nr. 168, Januar 2003)

Parti di requiem (…) ist dem Andenken meiner Mutter gewidmet und schließt mit einem Gedicht, das seinerseits ebenfalls irgendwie an das Dilemma zwischen Verantwortung und Verantwortungslosigkeit der Poesie gegenüber dem Leben (und natürlich dem Tod) anknüpft. (“L’approdo letterario”, a.a.O.)

Amen

Als du starbst wohnten wir

in einem alten Haus. Es gab keinen Aufzug. Es gab Platz

in Hülle und Fülle für Treppenabsätze und Treppen.

Es widerfuhr dir also nicht, von Schulter zu Schulter

um Ecken und durch Spalten hindurch zu müssen,

nach Spannen gemessen, zurechtgerückt zu werden

entsprechend den Türöffnungen. Zu verschwinden

war langsamer und leichter, als du verschwandst.

Vielmals erschien es mir später

als ein großes Glück.

Und dennoch, wenn du so willst, in wenigen Dingen

ist weniger Würde als im Tod,

weniger Schönheit. Steig hinunter ins Parterre

wie es dir gefällt, Tür oder Röhre, geh hinein

wohin es gerade passt, Schuhkarton

oder Verpackungskiste, waagerecht

oder senkrecht, allein oder in Gesellschaft,

befreie uns von der Ästhetik und so sei es.

Dieses Gedicht, das ich geschrieben habe, während ich immer und immer wieder an den Tod meiner Mutter dachte, stellt auf gewisse Weise den Abschluss einer Serie von Texten, sagen wir, familiären Charakters dar: über die Geschichte meiner Familie, über das Ableben meiner Eltern. Es ist auch ein Gedicht, in dem ich irgendwie versuche, aus diesem Gewirr von Gefühlen und Erinnerungen herauszufinden, als ob ich das Bedürfnis verspürte, mich mehr dem nicht reflektierten Leben anzunähern, dem Leben als „Live-Sendung“, wie man heutzutage sagen würde, oder in der ersten Person. (Pantheon. Le ragioni della vita, a.a.O.)

Ich dachte:

Staub, nicht Asche; nicht

verbrannt, dachte ich, noch geschleudert;

Staub: und es nach und nach

werden, nach und nach das Harte

der Knochen verstreuen. Und möge die Erde

nicht wenig noch viel sein,

nicht schwer noch leicht,

die Verschandelung des Grabes zu löschen.

Und möge die Erde geweiht sein…

Und möge die Erde geweiht sein

und mit anderen geteilt, nummerierte

und unauffindbare Parzelle

eines der matten, riesigen Friedhöfe

die von Norden, von Nordwesten aus

Mailand belagern, die uns retten,

als Barrikaden aus Kreuzen,

aus verstümmelten Engeln, vom Gräuel

privat zu verrotten, in einem Garten.

Einer der wenigen Pfeiler meines Glaubens – einmal angenommen, man kann von einem Glauben sprechen – ist die Vorstellung der Gemeinschaft der Lebenden mit den Toten, was nicht heißt, dass ich denke, es gebe ein Jenseits, in dem man die Toten trifft. Ich denke, die Toten sind da, das heißt ich denke, dass man fortfährt, auch mit den Personen zu leben, die nicht mehr da sind, dass sie fortfahren, zu unserem Leben zu gehören… Durch die Erinnerung, durch die Fortdauer der Gedanken und der Gefühle. Wenn sie mit einbezogen wurden, als sie noch lebten, warum sollten sie dann nicht mit einbezogen werden, wenn sie tot sind? Wir ändern uns nicht, weil wir eine Person nicht mehr sehen, wir bleiben wir selbst. Es gibt also keinen Zweifel. Daran habe ich keinen Zweifel… oder jedenfalls, ich will keinen haben. (Interview mit Giovanni Raboni, Florenz, 29. Mai 2003)

Das Gedenken an die Toten

Mit den Deinen, das wissen wir, hast du einen Modus

vivendi gefunden. Das war weder leicht

noch schwer, fast gab es keine Wahl. Aber jene Typen, die

dir völlig egal sind, verbrannt

im Gehäuse eines Jagdflugzeugs, angeknabbert vom

Löwenmenschen, dahingerafft

vom Thyphus auf der Hochebene, welches

Heil gibt’s für dich in ihnen? welchen Spaß

für sie im Zusammenkneifen deiner Augen und verweilen

mit stechenden Schmerzen über der Zeitung?

Seien sie, sag ich (die Toten) wieder unserem Alltagsmischmasch überantwortet, falte die Zeitung zusammen,

lass in der Ferne die Lebenden die Lebenden begraben.

An die Seele denken – nicht, um sie zu retten: um sich daran zu erfreuen.

Es ist unmöglich, die Zeit zu betrachten, ohne den Tod zu sehen, so wie es unmöglich ist, die offene See zu betrachten, ohne den Horizont zu sehen. Um den Tod nicht zu sehen müsste man das ganze Leben im Profil verbringen, wie der one-eyed jack, der arme einäugige Bube der Spielkarten. Und das Schöne ist, dass auch der Tod, wie der Horizont, immer gleich weit entfernt ist.

Ich habe immer gedacht, dass die Letztlichheit (ich weiß, dass es dieses Wort nicht gibt, aber vorläufig bin ich nicht bereit, darauf zu verzichten oder es zu ersetzen) die kostbarste, die berauschendste der Freuden ist. Aber wie sie ohne Schrecken berechnen? Ein zu Tode Verurteilter könnte eine Nacht lang der glücklichste Mensch sein, wenn ihm das Glück nicht verborgen oder besser gesagt: verstopft wäre von der imaginären Traumatik und „Obszönität“ des Todes. Es ist also wahrscheinlich, dass die Gabe der Unbestimmtheit – die jedem Menschen gewährte Fähigkeit, die aber nicht viele bis zum Letzten nutzen können oder zu nutzen verstehen, nämlich den Tod immer im gleichen Abstand zu sehen – nicht nur dazu unentbehrlich ist, um ohne Qual zu leben, sondern auch, um sich freudig dem Tod zu nähern. Man kann das Ende nur unter der Bedingung auskosten, dass man es als ein beschränktes, aber nicht abgezähltes Gut wahrnimmt, als einen kurzen und letztlichen, aber unendlichen Raum.

Ich bin das, was ihr wart, werde sein

was ihr seid, raune ich dem zu, der meine Schritte

von einem Krankensaalbett aus belauert

in einem Gebäude von Niguarda oder

der alten Poliklinik in der Via

Sforza, ihr überschätzt mich, ich habe

nur eine Niere, bald werde ich die letzte

Schlacht gegen die Kurzsichtigkeit verlieren,

und das Herz, tja, das Herz… Nein, Verzeihung, liebe

Seelen, Verzeihung! ich darf hier nicht

den Gesalbten des Todes geben, man darf nicht

das Sterben beibringen dem, der schon so sehr

stirbt und so wenig hofft, nur einen

Frühling noch, noch einen Schnee.

Jetzt erst fange ich vielleicht an, die Bedeutung eines Bildes zu erahnen, das ich seit vielen Jahren unerklärlicherweise hege und das mich nährt, das Bild meines Vaters, der nach seinem ersten Herzanfall (der zweite sollte ihn, wenige Monate später, töten), im Bett bleibt, in bester Laune, auf zwei Kissen gut gestützt, und der liest, ununterbrochen liest, er liest alle möglichen Romane oder liest sie wieder… Ich sehe die Bücherstapel auf dem Nachttisch wieder vor mir, das Hellblau der alten Bände von Einaudi, das Grün der “Romantica”-Reihe, das Gelb der Classiques Garnier… Und ich erinnere mich an meine Überraschung, an meine abergläubische Bestürzung: warum so viel lesen, warum sich so vieler Geschichten, so vieler Wahrheiten bemächtigen, wenn ihm so wenig Zeit blieb um sie „anzuwenden“, sie auszunutzen? Vielleicht, so dachte ich, liest er nur, um „sich die Zeit zu vertreiben“… Aber nein: sobald ein Buch ausgelesen war, sagte er mit einem Lächeln, dass er zufrieden sei, dass es „sich gelohnt habe“… Wie bitte? das war doch genau meine eigene Reaktion – aber ich war zwanzig, und wenn ich zufrieden war, ein neues Buch gelesen oder eines besser verstanden zu haben, das ich zu früh, zu ungestüm und naiv gelesen hatte, so war es, weil ich mich jedes Mal ein bisschen stärker und reicher fühlte, weil ich fühlte, dass ich noch etwas mehr abzusetzen, zu investieren, zinsbringend anzulegen hatte im Laufe meiner noch unberührten und unerschöpflichen Zukunft, zum Nutzen meines Stolzes und zur Erbauung des Menschengeschlechts: tempus edificandi… Tja, jetzt fange ich an zu verstehen – vielleicht fange ich auch einfach nur an, mein Vater zu sein. In diesem Jahr wäre er hundert, nächstes Jahr werde ich sein Alter haben, das Alter, mit dem er gestorben ist. Wenn ich so viele Bücher von Wohnung zu Wohnung mit mir herumgeschleppt habe, so war’s – ich fange an, mich dessen bewusst zu werden – um sie eines Tages auf dem Nachttisch zu stapeln, die hellblauen, die grünen, die gelben. Übrigens, ich müsste einen Nachttisch neben dem Bett haben. Ich müsste ein Bett haben, ein echtes Bett – ein Bett mit einem Kopfende aus Nussbaum, um zwei Kissen dagegen zu lehnen. Ich koste sie noch nicht aus, aber ich stelle mir bereits die Freude vor, unverzinsliche und nicht übertragbare Güter still in mir anzuhäufen, und ich fühle, dass es die reinste, subtilste und vollkommenste Freude sein könnte. (“Legenda”, April 1992)

Versehrter Schatten, Seele, die du hinkend

herkommst, aus deiner fahlen Zuflucht

kriechend, um in den Träumen das Wenige zu suchen

das ich für dich abknapse dem Hin und Her

des Aufwachens und der Albträume, den obszönen

Umzügen der Rätsel, so wenig

dass manchmal wenn du ankommst das Feuer

schon erloschen ist, die Fensterläden ausgerissen, voller

leerer Eindringlinge oder unsteter Androiden

die Unermesslichkeit der Küche, die Schul-

bank, das Bett, gib mir Zeit, verschwinde

nicht, die Zeit, die vielen schändlichen

noch offenen Rechnungen mit ihnen zu

begleichen, bevor ich mich dir zur Seite lege.

Dieses Thema der familiären Beziehungen, der Familienerinnerungen, ist auf jeden Fall dann weitergegangen, auch im weiteren Verlauf, selbst bis zu meinen letzten Sachen. Aber irgendwie fühlte ich das Bedürfnis, daraus hinaus zu gehen, eine vielleicht autobiographischere Art des Umgangs mit der Poesie und ihrer Ausübung in Angriff zu nehmen. Und wahrscheinlich ist geschehen, was geschehen musste, das Liebesthema drang mit Macht, mit Gewalt in meine Inspiration und in meine dichterische Praxis ein. An die Stelle der Gedichte der – sagen wir – familiären Pietät ist also in den folgenden Jahren eine Dichtung amouröser Erzählung, der amourösen Autobiographie getreten.

“Canzonette mortali” (Sterbliche Liedchen). Es sind Liebesgedichte, und an diesem Punkt würde ich sagen, ist das Private, und das Erzählen von mir, auf geradezu schamlose Weise in meine Dichtung eingedrungen. Dies sind nicht die ersten Liebesgedichte, sie sind gewissermaßen die letzten, das heißt die der letzten Liebe, derer, die fortfährt, in meinem Leben zu sein. Sie sind aber irgendwie der Abschluss einer Annäherung an das – sagen wir – direkte Bekenntnis; und wahrscheinlich war gerade diese traumatische Beziehung nötig, die man zu dem Gegenstand seiner Liebe hat, zur geliebten Person, um mich soweit aus der Deckung zu locken. Von diesem Punkt an sind gewissermaßen auch meine Gedichte nicht amourösen Inhalts, meine Gedichte… nachdenklichen, meditativen oder sogar bürgerlich-zivilen Inhalts dezidiert Gedichte in der Ichform. Ich habe irgendwie die Scheidewand des objektiven Korrelativs durchbrochen, bin zu einem geworden, der von sich spricht, bin zu einem Dichter in Ichform geworden. Ich glaube nicht, dass das ein Fortschritt ist; ich glaube, dass die Dichtung ebenso aufrichtig, ebenso authentisch, ebenso verräterisch sein kann, auch wenn sie sich eben in der Deckung hält, wenn sie die Fiktion einhält oder… das Spiel über die Bande mit der objektiven Realität. Das ist mir widerfahren; und es ist ziemlich wahrscheinlich, dass es etwas ist, das auch gerade das Alter eines Menschen betrifft, das heißt, dass es etwas… etwas tatsächlich Biologisches gibt, nicht?, in diesem Übergang von einer privilegierten Beziehung mit der äußeren, der objektiven Realität, mit den – sagen wir – Bildern der Welt, zu einer… zur immer innerlicheren Meditation, immer stärker in der Ichform. Am Ende bleibt man allein angesichts der Einsamkeit, des Todes, das ist unser aller Schicksal, glaube ich; und dass somit auch die Dichtung auf irgendeine Weise diesem Gang Spur folgt – vom Leben zum Tod, vom Kollektiven zum dramatisch Individuellen – liegt so ziemlich in der Natur, in der Natur der Dinge, glaube ich. (Pantheon. Le ragioni della vita, Interview mit G. Raboni, RAI Nettuno SAT 1, 4. Januar 2004)

Sterbliche Liedchen

Ich, der ich die Überreste der Zukunft immer vergöttert habe

und nur nach der Zukunft, nach nichts sonst

habe manchmal Sehnsucht

erinnere mich jetzt mit Schrecken

wenn du aufhören wirst, bei meinen Liebkosungen nass zu werden

wenn du von meiner Lust

getrennt sein wirst und vielleicht aus Schönheit

so sehr geliebt zu werden oder aus Zärtlichkeit

mich geliebt zu haben

trotzdem fingieren wirst, Lust zu empfinden.

Le volte che è con furia          Wenn ich manchmal heftig

che nel tuo ventre cerco la mia gioia           in deinem Schoß nach meiner Freude suche

è perché, amore, so che più di tanto tue           ich es, Liebste, weil ich weiß, dass allzu lang

non avrà tempo il tempo           die Zeit keine Zeit haben wird

di scorrere equamente per noi due           gleichmäßig für uns beide zu verstreichen

e che solo in un sogno o dalla corsa           und dass nur in einem Traum oder indem ich

del tempo buttandomi giù prima           früher abspringe vom Lauf der Zeit

posso fare che un giorno tu non voglia           ich erreichen kann, dass du eines Tages nicht

da un altro amore credere l’amore. aus anderer Liebe an die Liebe glauben magst.

Un giorno o l’altro ti lascio, un giorno Eines Tages verlasse ich dich, von Tag

dopo l’altro ti lascio, anima mia. zu Tag verlasse ich dich, meine Seele.

Per gelosia di vecchio, per paura Aus Eifersucht eines alten Mannes, aus Angst,

di perderti – o perché dich zu verlieren – oder weil

avrò smesso di vivere, soltanto. ich einfach nur aufgehört habe zu leben.

Però sto fermo, intanto, Doch halte ich still, derweilen,

come sta fermo un ramo so wie ein Zweig stillhält,

su cui sta fermo un passero, m’incanto… auf dem still ein Sperling sitzt, bin verzaubert…

Non questa volta, non ancora. Nur nicht dieses Mal, noch nicht.

Quando ci scivoliamo dalle braccia Wenn wir einander aus den Armen gleiten

è solo per cercare un altro abbraccio, dann nur, um nach einer anderen Umarmung zu suchen,

quello del sonno, della calma – e c’è die des Schlafs, der Ruhe – und es gilt,

come fosse per sempre als wär’s für immer

da pensare al riposo della spalla, an die Erholung der Schulter zu denken,

da aver riguardo per I tuoi capelli. Rücksicht zu nehmen auf dein Haar.

Meglio che tu non sappia Besser, du weißt nicht

con che preghiere m’addormento, quali, mit welchen Gebeten ich einschlafe, welche

parole borbottando Worte murmelnd

nel quarto muto della gola im stummen Quart der Kehle

per non farmi squartare un’altra volta um mich nicht noch einmal vierteilen zu lassen

dall’avido sonno indovino. vom gierigen Schlaf, dem Wahrsager.

Il cuore che non dorme Das Herz, das nicht schläft

dice al cuore che dorme: Abbi paura. sagt zum schlafenden Herzen: Hab Angst.

Ma io non sono il mio cuore, non ascolto Ich aber bin nicht mein Herz, ich hör dem Schicksal

né do la sorte, so bene che mancarti, nicht zu noch teil ich’s aus, ich weiß wohl: dich verfehlen,

non perderti, era l’ultima sventura. nicht dich verlieren, war letztes Unheil.

Ti muovi nel sonno. Non girarti, Du bewegst dich im Schlaf. Dreh dich nicht um,

non vedermi vicino e senza luce! sieh mich nicht, nah und ohne Licht!

Occhio per occhio, parola per parola, Auge um Auge, Wort um Wort,

sto ripassando la parte della vita. repetiere ich gerade den Part des Lebens.

Penso se avrò il coraggio Ich denke, ob ich den Mut haben werde

di tacere, sorridere, guardarti zu schweigen, lächeln, dich anzusehen

che mi guardi morire. die du mir beim Sterben zusiehst.

Solo questo domando: esserti sempre, Nur das erbitte ich: dir immer, so sehr

per quanto tu mi sei cara, leggero. wie du mir lieb bist, leicht zu sein.

Ti giri nel sonno, in un sogno, a poca luce. Du drehst dich im Schlaf, in einem Traum, bei fahlem Licht.

Ich habe nicht viel Wissenschaftliches gelesen, aber an dem wenigen, was ich an physikalischen Dingen gelesen habe, hat mich immer die Vorstellung beeindruckt, dass die Nichtumkehrbarkeit der Zeit nicht bewiesen werden kann. Wir leben in dieser Vorstellung von Wirklichkeit, doch die Physik ist nicht in der Lage zu beweisen, dass die Zeit nicht umkehrbar ist. Und das hat mich immer sehr beeindruckt: ein wenig beängstigt, ein wenig getröstet. Wir stehen immer auf der Kippe. Es ist nicht gesagt, dass man nicht umkehren kann, um die Vergangenheit zu besuchen. Ich glaube, ich habe es irgendwo auch geschrieben, in einem Gedicht aus A tanto caro sangue, Scongiuri vespertini, wo davon die Rede ist, zurückzukehren, um Gräber und Lazarette zu besuchen. Diese Vorstellung, die ich auch in Büchern berühmter Physiker gefunden habe, dass man auch in der Zeit reisen könne, nicht mit Zeitmaschinen, sondern an irgendeinem Ort des Möglichen… Hier ist es mir vielleicht am besten gelungen, sie auszudrücken.“ (C. Di Franza, Intervista a Giovanni Raboni ,Venezia-Napoli, 2002-2003)

Dopo la vita, cosa? ma altra vita, Nach dem Leben, was? Eben weiteres Leben,

si capisce, insperata, fioca, uguale, versteht sich, unverhofft, matt, gleichmäßig,

tremito che non si arresta, ferita Zittern, das nicht stillsteht, Wunde,

che non si chiude eppure non fa male die nicht verheilt, jedoch nicht weh tut

– non più, non tanto. Lentamente come – nicht mehr, nicht sehr. Langsam, als wäre man

risucchiati all’indietro da un’immensa von einer riesigen Zeitlupe rückwärts in einen Sog

moviola ogni cosa riavrà il suo nome, gezogen, wird jedes Ding seinen Namen zurückbekommen,

ogni cibo apparirà sulla mensa jede Speise auf der Tafel erscheinen

dov’era, sbiadito, senza profumo… wo sie war, fad und ohne Duft…

Bella scoperta. E’ un pezzo che la mente Tolle Entdeckung. Schon lange weiß

sa che dove c’è arrosto non c’è fumo der Verstand, dass wo Korn ist, kein Stroh sich findet

e viceversa, che fra tutto e niente und umgekehrt, dass zwischen alles und nichts

c’è un pietoso armistizio. Solo il cuore ein erbärmlicher Waffenstillstand herrscht. Nur das Herz

resiste, s’ostina, povero untore. widersteht, beharrt, armer Pestverbreiter.

Ich habe angefangen, über den Tod nachzudenken… zuallererst, meine ich, sogar über die Erzählung des Evangeliums, über den Tod Christi, dann über den Tod meiner Eltern, über den Tod, der sehr früh mein Leben heimgesucht hat, mit dem Ableben zuerst meines Vaters und dann meiner Mutter. Und also war es in gewissem Sinne der Tod der anderen, es war der Tod als Ableben meiner Lieben, unentbehrlicher Bezugspersonen. Mit der Zeit dann, auf natürliche Weise denke ich, ist es zum Nachdenken über meinen Tod geworden, darüber, was er bedeutet, was er bedeuten wird, und ich würde sagen, dass es aber, das glaube ich zumindest, immer gelassener wurde, meine Nachdenken, in dem Sinne, dass zusammen mit der Vorstellung des Todes als… als nahendes Ziel, als Erfahrung, die immer näher rückt, in mir die Vorstellung der Gemeinschaft der Lebenden und der Toten immer stärker geworden ist, um es ganz knapp zu sagen. Das bedeutet, ich mache keinen großen Unterschied mehr zwischen Lebenden und Toten, nicht nur bei den Familienangehörigen sondern bei den mir teuren Menschen, bei den Freunden, die irgendwann versterben. Ich empfinde sie, um die Wahrheit zu sagen, als nicht weiter entfernt als zu ihren Lebzeiten, und somit wurde mir eben die Vorstellung immer wesentlicher, immer lieber, dass es etwas, ich weiß nicht ob Jenseits oder Diesseits oder In-uns-drin gibt, in dem die Toten weiter mit uns zusammenleben. Das ist zu einem der auch wirklich ausdrücklichen Themen meines Denkens und meiner Dichtung geworden. (Pantheon. Le ragioni della vita, Interview mit G. Raboni, RAI Nettuno SAT 1, 4. Januar 2004)

Ich habe immer gedacht, dass das Leben nicht etwas ist, in das man ein- und woraus man austritt, etwas, das man wie einen endlichen Raum durchquert, sondern wie etwas, in dem man sich auf immer befindet. Das impliziert meiner Meinung nach nicht zwangsläufig die Vorstellung von Transzendenz: das Leben ist einfach diese Sache, die Sache, in der man sich befindet, in der man nicht umhin kann, weiterhin sich zu befinden, auch wenn das Leben theoretisch zu Ende geht. Das ist – wenn Sie wollen – mein Glaube. Ich weiß nicht, ob es ein Glaube im stichhaltigen Sinne des Wortes ist. Es ist meine Art, mich in dieser Wirklichkeit zu befinden, die sich meiner Meinung nach nicht anders nennen kann als: das Leben. In einem Gedicht habe ich einmal geschrieben, dass ich zuweilen versuche, mir „das Glück der Toten vorzustellen“ und ich denke, dass auch für die Toten das Glück Leben bedeutet. (Rai, Sommer 2003)

Wirklich so schwer vorzustellen das

Paradies? Dabei genügt es schon, du

machst, um zu sehen, die Augen zu –

es ist da, hinter den Lidern, dahinter, was

uns erwartet, so scheints, uns allein,

das Meer und die Stadt, heil und ganz

vor der Diaspora, sie liegen im Glanz

aus Dämmer und festlichem Morgenschein

und da, sehr fern – doch du kannst sie erkennen,

und näher jetzt, eine Stimme, sie dringt

nicht in die Ohren, aber es schwingt

ein anderes Labyrinth, eine Membran vibriert

die sich im Dunkel spannt und verliert

zwischen dem Nichts und dem Herzen, der Stille und dem Benennen…

(Ü: Christine Wolter)

Wichtig ist, wirklich überzeugt zu sein, dass die Poesie weder eine Gemütslage a priori noch ein privilegierter Zustand noch eine abgesonderte Wirklichkeit noch eine bessere Realität ist. Sie ist eine Sprache: eine andere Sprache als die, die wir im alltäglichen Leben benutzen, um uns zu verständigen, und eine unendlich viel reichere, vollkommenere, vollständiger menschliche; eine Sprache, die zugleich sorgfältig überlegt und zutiefst unwillkürlich ist, dazu fähig, die sichtbaren und die nicht sichtbaren Dinge miteinander zu verbinden, das, was wir wissen, mit dem, was wir nicht wissen, in Zusammenhang zu bringen.

Weck mich ich bitt dich, es geschieht noch immer

dass ich im Traum nach ihr rufe, alt wie ich bin,

hilf, mach dass die Finsternis, diese obszöne Materie

nicht wahr sei. Dann streift wirklich leis

eine Hand über meinen eisigen Körper hin

und plötzlich ist es klar und ich weiss

dass ich dich rief und von nun an für immer nichtwissend bin.

(Ü: Christine Wolter)

Aus “Almanacco dello Specchio”, Mailand: Mondadori 2006

WERKE

Anthologie aus Quare tristis

Wirklich so schwer vorzustellen das

Paradies? Dabei genügt es schon, du

machst, um zu sehen, die Augen zu –

es ist da, hinter den Lidern, dahinter, was

uns erwartet, so scheints, uns allein,

das Meer und die  Stadt,   heil und ganz

vor der Diaspora, sie liegen im Glanz

aus Dämmer und festlichem Morgenschein

und da,  sehr fern,  doch du kannst sie erkennen,

und näher jetzt, eine Stimme,  sie dringt

nicht in die Ohren, es schwingt

ein anderes Labyrinth, eine Membran vibriert,

die sich im Dunkel spannt und verliert

zwischen dem Nichts und dem Herzen, der Stille und dem Benennen…

Die von uns gehen werden mehr,

mehr, die verschwinden, und ich frage mich,

wozu im Leben diese Stadt verlassen, die so leer

von Leben ist, doch manchmal denke ich

mir einen andern milden Himmel,

Weihrauch statt Rauch, doch wer

stellt dort das leise Atmen, Flüstern wieder her

das ungeheuer stille Stimmgewimmel

der Wohnungslosen, deren Heim ich bin;

mehr als die Lebenden sind mir die Illegalen,

die Ausgewiesenen geblieben,

die aus der Zeit vertrieben,

gelöscht aus dem Verzeichnis sind,

die alten Fernsprechnummern aus fünf Zahlen.

Wie einer träumend weiß er träumt

und sich im Traum dagegen bäumt

der Zwangsjacke  entgegenstemmt

der Fessel und dem Nessoshemd

das nachgibt in den Nähten bricht

wie einer  sich mit letzter Kraft erhebt

und seinen Nerv hinauf ins Licht

schickt, wo der Morgenstern erbebt

des ersten Tags, vielleicht wie einer  sich in Wehen

dem  Leib der Mutter  blind entreißt

und in die Welt kommt – so wird es geschehen

das glaub ich, Seele:  dort, wohin  alle Wege führen,

wirst du  zusammen mit dem Geist

zuletzt das Nadelöhr passieren.

Dank, hör ich mich manchmal sagen, Dank

wenn sich die Dunkelheit verstrickt

in Silberfallen, flimmernd, für das Glück

das gnädig jedem gilt, Dank für den Trank

aus mildem Essig, der den Durst erstickt,

den Trost, der aus dem Schwamme leckt,

den Licht, auf Lanzen hochgereckt,

aus Mitleid oder Hohn mir schickt

als Trost in dieser Agonie:

Erwachen, täglich. Ja, ich danke auch für sie,

die Dinge, die sich rein und bloß ereignen, blind

und ohne Ziel, und Dank für ihren Schein.

Mein Geist verwechselt ihn mit Sein

und weiß nicht, wo die Quellen, wer der Starter sind.

Gold – das wusste man ja, Gold

gab man hin fürs Vaterland.

Aber Eisen! Das war unbekannt

ganze Zäune wurden abgeholt

für Kanonen, die sie brauchten. Brav,

wortlos sahn die Nachbarn zu,

wie der Gartenzaun auf LKWs verschwand.

Und noch immer rufe ich im Schlaf:

bringt ihn wieder, ach, wir brauchen ihn,

um die Wunde, diese wenigstens, zu schließen

an der weißen Straße…   (Welch ein Spleen,

denk ich später: wird nicht Glorie nur

und allein in Flammen produziert,

ist Geschichte andres denn als Aschenspur?)

Stanzen zur Musik von Adriano Guarnieri

Quare tristis – warum tut uns

im Wachen und im Schlafen,

im Unterlassen und im Handeln

die Seele so weh?

Wir, die wir sie hüten,

ohne sie zu lieben, ohne sie zu kennen,

im kleinen Käfig unserer Knochen,

wie das Glas einer Laterne

die Flamme hütet,

wir wissen nur, daß sie,

sie, die weder Sehnen noch Blut hat,

unser blutigster Gefährte ist.

Du, unsichtbar wie sie,

schütze uns vor ihrem Schweigen,

mach, daß wir  zur Zeit ihre Stimme hören.

Der Herbst hat manchmal ein so klares Licht

und an den Bäumen leuchtet er so rot,

so grausam zärtlich, daß das Herz uns droht

zu reissen, wenn es sähe, darum stellt es sich

als sei es Diener einer Pflicht,

die es beherrscht, lässt nur die Augen blicken,

dass sie sich tränken und entzücken,

dumm, unverfroren, wie sie sind. Und dann erlischt

er langsam oder wandelt seine Pracht

der Farben –  wie der Mond auf seiner Bahn

sein düstres Leuchten in der Nacht – ,

verblasst im Staub der Zeit. Erst da

sprichst du es aus: wie schön – sogar

noch  schöner  als der Frühling war.

In Bosnien, im vorderen Orient,  an solcher Stätte

handelt man Tote,  da tauscht man Leichen

aus gegen andre,  da tauscht man Leichen

aus gegen Lebende. Und so gern ich es täte,

ich kann nicht vergessen. Unmöglich. Wer

frage ich, legt die Tauschwerte fest?

Wieviele Unbeweinte geben sie her

für einen Piloten? Wieviel  Verstümmelte läßt

man für einen Gesunden gehen?

Witze? – nein, Ausflüchte, um mir nicht zu gestehen

was ich nicht weiß,  oder vielleicht

den heimlichsten aller Wünsche: Sie

zu sein,  ihrem Nichts, ihrem unendlichen Nullsein gleich,

ihrem  das Heute besiegende Nie.

Seit ein paar Jahren will ich ich altern,

den Frühling  und den Sommer schauen

für mich und ihn, der doch ganz Auge war

und Tastsinn und Genuß im Kauen

und seine Nase in die Luft hielt schnuppernd,

ein Drogenhund nach Drogen suchend,  wer

gab wie  er  für einen schönen Klang,

für einen Namen lustvoll alles her,

er und sie alle, die aus diesen Leben

zu früh und vor mir ungerecht verbannt

und ausgestossen sind,  sie drängen sich mit Macht

um dieses  Ende Leben, das mir bleibt,

ein Floß, das schwankt, das knirscht und kracht

und überfüllt von Unsichtbarem treibt.

Weck mich ich bitt dich, es geschieht noch immer

dass ich im Traum nach ihr rufe, alt wie ich bin,

hilf, mach dass die Finsternis, diese obszöne Materie

nicht wahr sei. Dann streift wirklich leis

eine Hand über meinen eisigen Körper hin

und plötzlich ist es klar und ich weiss

dass ich dich rief und von nun an für immer

nichtwissend bin.

Die aschene Stunde kam, auf  dem Corso

nur eine paar Schritte weiter drängten

geschäftiger Handel, eilig  und trügerisch,

und  im Traum begangne Verbrechen,

da weckte  der Anblick der Reste

eines früheren Obdachs der Elenden

– fünf Schornsteine nur und sechs Fenster,

aus blutroten Ziegeln, von Giftdunst zerfressen,

schlimmer als damals das Ganze von der

berühmten Geissel, über die uns die Bücher

berichten  –  im Geist  mir das Bild

eines  weiten Gefilds, Purgatorium,

das, unsichtbar, von dieser Strasse

zur nicht mehr sichtbaren Stadtmauer reichte

mit der Kirche San Carlino im Zentrum,

wie der Blutstropfen in der Hostie,

wo ich knieend in tiefer Zerknirschung

die Hände über die  Augen schlug

nach dem eingebildeten Sakrileg

und dachte, dass er, er, nicht die Spanier

uns da zusammengetrieben hatte wie

Lämmer, um uns zu vernichten. Durch welche Schuld

bin ich an diesen Höllengraben gefesselt,

an dieses Viertel gebunden, wo ich so oft

geboren, gestorben bin, auferstanden,

ich kanns nicht mehr zählen, an den lauen,

düsteren Dschungel, den ich durchstreifte

auf der Suche nach Absolution –  so ging ich

und befragte mein Herz und  gewahrte

nach den Resten des grossen Sterbens

auf derselben Seite der Schneise, durch die ich strich,

noch einen Ort des Abscheus und der Erlösung,

ein Nuttenkino, einen Dreigroschenschuppen,

seit kurzem zum Supermarkt aufgestiegen.

Nie ein Wort dort gewechselt: wenn ich so oft

morgens um zehn, halb elf dort reinging

(zu Haus dachten sie, ich sei in der Schule,

im Gymnasium Parini oder Carducci),

dann war das aus massloser Liebe zu dieser

im Voraus   mit welken, zerknitterten

Besatzungs-Lire bezahlten Dunkelheit:

Anästhesie oder  Widerruf meiner

grotesken, adoleszenten Reue.

Ich kanns nicht beschwören, aber vielleicht

war es eben dort, in der grausamen Dürre

der Pausen, in Erwartung, dass Dunkelheit

wiederkehrte wie Balsam auf brennende

Wunden, vielleicht fing ich dort an zu beten,

wie ich heute noch bete, lateinisch,

immer dann, wenn das Schweigen  zu gross wird oder

das Licht  zu hell und das Herz schmählich zuckt

im Krampf. Aber warum schon damals, das

frage ich mich, als sie allesamt noch

am Leben waren? Und ich antworte mir,

dass die Angst listiger ist, als die Vernunft

zu vermuten wagt – oder betete ich,

dass ihnen nichts geschehe, dass niemand

von ihnen die Unverschämtheit besässe

vor mir zu sterben? Doch schon so bald, nur

ein paar Jahre darauf, kam tückisch und plötzlich

der Tod über  das sichere Glück der Familie,

schmählich, entsetzlich … Nicht zu glauben:

es gab nun andere Kathastrophen und

andere Schmerzen  als meine Vergehen!

Aber greifen wir nicht vor, damals

war mein grosses Problem: ich, wie ich

da hockte, zusammengekrümmt im knisternden

Dunkel des Kinos Modena,  ein Fötus

im Mutterleib, und wie ich herauskommen sollte,

ohne mich zu erwürgen. Die relative  Normalität

der fünf Jahrzehnte, die dann vergingen

kann   alles bestätigen,  nichts erklären.

Und wenn ich auch weiss, daß ich

mich von dem  Schrecken, der mich verfolgte,

befreit hab, so weiss ich noch nicht, für wie lange

und auch nicht wie. Wohl nicht weniger unbewusst

geschah das vor Jahrhunderten, ein paar Meter weiter,

entsetzt, staunend schwärmten die Überlebenden

der Pest hinaus  zu den Wundern

einer ungewöhnlichen Hungersnot. Von ihnen nichts

in den Büchern, oder sonstwo; nichts von den Toten

die karrenweis fortgeschafft wurden, ohne

viel Umstände, wie es grad, kam unter die Erde gebracht,

in Gräben geworfen unter  Maubeerbaumreihen. Was

den Kinobesucher betrifft, den Verfasser,

er könnte jetzt aufhören zu reden, genug

des Gejammers: nichts verbindet doch

dieser heiligen Trümmer vergangner  Barmherzigkeit,

diese Reste, die allen Heiligen spottend

hier ausharrn, mit dem unsichtbaren, verächtlichen

Denkmal seiner nicht beendeten Kindheit. Besser

weitergehen, den unsichren Schritt beschleunigen

bevor die Asche erstarrt, hin zu dem grossen Strom

dort, einbiegen, sich verlieren, vergehen.

Aus dem Italienischen von Christine Wolter

ÜBERSETZUNGEN

G. Raboni, «Akzente», XLVII, Heft 2, April 2000, ss. 157-62; Uebersetzung von Ch. Wolter e P.-E. Leuschner.

G. Raboni, Die Hochzeit (Le nozze), von Anke Wortmann, Italienische Lyrik des 20. Jahrhunderts in Einzelinterpretationen, Erich Schmidt Verlag, 1994.

G. Raboni, “Neue Zürcher Zeitung n° 287, 9-10 Dezember 1989, p.68, Himmelblau, Deutsch von Hanno Helbling.

G. Raboni, Stadtsanierung (Risanamento), Italienische Lyrik nach 1945. Klassiker der Moderne, Industrielandschaft, Frauenlyrik, herausgegeben und übersetzt von Gio Batta Bucciol, Georg Dörr. Tübingen Narr 1986.

SEKUNDÄRLITERATUR

Johannes Hösle, Die italienische Literatur der Gegenwart, Verlag C.H.Beck, 1983, 161-3.

A. Wortmann, Giovanni Raboni: ‘Le nozze’, in Italienische Lyrik des 20. Jahrhunderts in Einzelinterpretationen, Herausgegeben von M. Lentzen, Erich Schmidt Verlag, Berlin 2000, ss. 304-16.

Ch. Wolter, Zwischen dem Nichts und dem Herzen, «Neue Zürcher Zeitung», 3-4 März 2001.

H. Helbling, Zwischen Traum und Tag. Zum Tod des Dichters Giovanni Raboni, «Neue Zürcher Zeitung», 18-19 September 2004.

F. Haas, Italienische Alarmgedichte, «Neue Zürcher Zeitung», 2 März 2006.

EIN ARTIKEL

Giovanni Raboni, Kritiker, Essayist, Juror, Übersetzer (u.a. von Prousts “À la recherche du temps perdu“), Vizepräsident des Consiglio d’Amministrazione des Piccolo Teatro, dieser vielbeschäftigte, stets gelassen wirkende weisshaarige Achtundsechzigjährige, ist vor allem ein Dichter. Dichter von Jugend an: jugendlicher Leser von Poeten (Pascoli, D’Annunzio, dann Montale, Ungaretti, Saba), der aus Liebe zu ihnen Verse zu schreiben beginnt. Ein Anfang, wie er sich gehört in den fünfziger Jahren, antiklassisch, antirhytmisch, herb und ein wenig hermetisch. Aber schon bald zeigt sich Eigenes. Leise, eigenwillig im genauen Sinne des Wortes. Dieser Dichter widerspricht allen Klischees – zu denen nicht zuletzt beifallheischende Halb-Poeten beigetragen haben – vom italienischen wort- und augenrollenden Leidenschaftsversäußerer. Diskret, verhalten, nicht „engagiert“, ungesichert durch die Stützen politischer, ideologischer, literarischer Dogmen, stellt er sich den Ereignissen des Lebens. Seine Verse, von denen in diesem Herbst eine neue Gesamtausgabe erscheint (Tutte le poesie, 1951-1998) umfassen ein halbes Jahrhundert, und sie sind, so könnte man heute sagen, eine intime Chronik dieser Jahrhunderthälfte. Sie sprechen von einfachen, sichtbaren und greifbaren Dingen – um auch von dem zu sprechen, was dahinter wohnt, dem nicht Sagbaren. Das trifft sicher auch auf andere poetische Werke zu; was Giovanni Rabonis Dichtung ihren besonderen Charakter verleiht, ist die leise Beharrlichkeit, mit der ihr Autor aus dem einfachen, vergehenden Leben heraus nach einem Anderen tastet, einem Dahinter, einem Davor oder Danach. Dabei wird das Alltägliche nicht stilisiert und erhoben, es wird nicht à la Montale verklärt zum Amulett des Existenziellen, verströmt nicht den mahnenden Ruf des Nichts. Das Alltägliche ist bei Raboni einfach anwesend; durchaus gewöhnlich, betastbar und sichtbar, es äussert sich in der normalsten Sprache, im abgerissenen Dialog, im grauen „Schneeregen“ der Eindrücke. Doch eben in solchen Fragmenten des Lebens entdeckt ein übersensibles Ahnen des Dichters – entdecken sich dem Dichter – geheime Linien. Es sind unterirdische Ströme, die „dumpfen Schläge des Wassers von unten“, die nur poetisch zu fassen sind, dünne Fäden „hinüber“ zu denen und zu dem, was nicht ist, oder nicht mehr ist und dennoch dauert.

Das Gedicht „Imbarcadero“ aus den achtziger Jahren zeigt in schöner Weise diese Form poetischer Evokation. Das Thema des Hier und des Drüben erscheint in freien Rhytmen. Mit wenigen, grauen Strichen werden Situation und Ort skizziert: Venedig, zwei Anlegestellen der Fähre auf dem Canal Grande, Dezember, Kälte, Schneeregen, Stummheit der wenigen einheimischen Fahrgäste. Dann, plötzlich, die Wende, die vermummten Gestalten verwandeln sich. Das geschieht im selben Augenblick, in derselben Zeile, die eben noch von Realität erfüllt war. Es erscheinen geliebte, verlorene Menschen, die noch immer wandern und den Lebenden nah sind, dem „lieben Blut“. Wie ein rotes, inniges Beben steht dieses Wort „a tanto caro sangue“ (wie so oft bei Raboni ein heimliches Zitat) nach all dem Grau von Schnee und Wasser in der Endzeile. In dieser Epifanie verändert sich rückwirkend der reale Ort: die Fähre, das normale venezianische Transportmittel, wir wissen es ja, ist auch die Verbindung „hinüber“, ins Nichtsein, das Noch-Dasein ist:

Die wenigen, die warten, wenige

jeweils, wenige und immer, dass das Fährboot

zurückkommt vom anderen Ufer

in flachem Gleiten, lautlos

bis auf die dumpfen Schläge

des farblosen Wassers von unten

im tobenden Schneetreiben des Dezembers,

an der Salute, an San Tomà

spricht niemand ein Wort, nur einer

räuspert sich krächzend,

flucht, hält die Hand auf: kleine Spende – ach, ihr Geliebten,

ich hab euch wiedergefunden, ich erkenn euch,

unter Schirmen, Kapuzen, das ist euer Körper,

seltsam sichtbar, der noch wandert, sich vereint

von dort, hinter der Erde,

mit all dem lieben Blut…

Vereinigung, Wiedererkennen, Gleiten aus der Zeit, das Gespräch mit den Abgeschiedenen und doch Anwesenden – in allen Phasen der Dichtung Rabonis tritt dieses Grundthema in sich wandelnden Formen und Bildern auf. Es ist Essenz, Lebenserfahrung und Lebenshaltung.

Schon in der ersten grösseren Sammlung, die 1966 bei Mondadori unter dem Titel „Le case della Vetra“ (Die Häuser von La Vetra) erschien, wird das rasch erfasste Reale zum Signal, zur Frage. La Vetra, ein altes Mailänder Viertel, suggeriert Erinnerung, enthüllt Verfall und falsche Erneuerung einer Stadt in der Aufbruchzeit des italienischen Wirtschaftswunders. Die Fragmente des Urbanen, die Raboni in seine reflektierenden, noch an Montale gemahnenden gebrochenen Zeilen einmontierte, gaben zu einem Missverständnis Anlass, das bis heute – weil es so bequem ist – dauert: Raboni wurde zum Dichter Mailands und in Verlängerung des Klischees zum Dichter der „lombardischen Linie“ gestempelt, die eine Generation vor ihm in einer Anthologie aufgetaucht und wieder verschwunden war.

Nun lässt sich wirklich viel Mailändisches, was zu dieser raschen Etikettierung verleiten könnte, in Rabonis Dichtung erkennen. Kein Wunder, da er in Mailand lebt, dort geboren und aufgewachsen ist, sein Jurastudium und die Anwaltsprüfung abgelegt hat und nach einigen Jahren den Weg von der Jura zur Literatur, als Mitarbeiter der grossen Mailänder Verlage Garzanti und Mondadori, gefunden hat. Schon der Ton der ersten Dichtungen hätte die Kritiker auf etwas anderes hinlenken müssen – und einige, wie Vittorio Sereni, der Rabonis Talent früh begriff, haben es auch erkannt: das Mailändische hat einen anderen Untergrund, Mailand mit immer wiederkehrenden historischen Orten und Anspielungen deutet auf die geheime Anwesenheit von Manzoni, sein moralisches Vorbild. So erinnert schon der Titel „Le case della Vetra“ an Manzonis Pamphlet über die Pest, „La colonna infame“ (Die Schandsäule), das eben in diesem Viertel La Vetra seinen Anfang nimmt und die Schrecken einer Terrorgerichtsbarkeit erzählt. Der moralische Appell Manzonis an die Verantwortung des Einzelnen, seine singuläre, leidende Unbeugsamkeit – dies ist das Mailand, das Raboni immer wieder inspiriert, kein Hang zur Lokal- oder Regionaldichtung. In Manzonis Nachfolge entwickelt Raboni aus Bildern der Stadt, die sich an der Oberfläche seiner Gedichte erkennen lassen, seine zeitgenössischen Fragen nach der Moral ihrer Ordnung.

Gesellschaftskritik – gewiß, doch nie ideologisch beengt, nie von Gewissheiten blind, sondern das Vielleicht im Blick behaltend, immer an den Einzelnen und seine Verantwortung gerichtet. Das zur Sentenz konzentrierte kürzteste Gedicht der Sammlung lautet:

Wer redet, hat was zu sagen:

das, was er sagt, vielleicht nicht das,

vielleicht etwas anderes. Sicher ist: wer schweigt,

lässt zu , was ihm zustösst und, was schlimmer ist,

lässt zu, dass sie anderen antun was

ihm angetan wurde.

In „Cadenza d’inganno“ (Betrügerische, abgebrochene Kadenz) aus dem Jahr 1975 fand das Unbehagen an der italienischen Gesellschaft seinen schärfsten, schneidenden Ausdruck mit Versen über den nie aufgeklärten Selbstmord des Anarchisten Pinelli. Sie tragen den sarkastischen Titel „Das Alibi des Toten“. Doch „abgebrochene Kadenzen oder Trugschlüsse“ erklingen auch im scheinbar Privaten, einem  beharrlich-schmerzlichen Suchen nach dem Gegenüber : das Unvollkommene, Täuschende der Beziehungen spiegelt sich in abbrechenden Dialogen, fragend und fragmentarisch. Es beginnt ja für viele Autoren nach der Phase des italienischen Aufbruchs eine Periode der Ent-Täuschung.

Kürzlich hat ein bekannter Autor öffentlich mit Bedauern festgestellt, Raboni „schreibe keine Gedichte über Pinelli mehr“. Die Entgegnung des Dichters war lakonisch. Der Fall des Anarchisten Pinelli habe sich Ende der 60er Jahre ereignet. Bei Raboni zählt der Fall, die konkrete Situation, aus ihr heraus entsteht poetische (und essayistische) Äusserung, nie aus einer ideologischen Haltung. Heute, da viele Autoren ihre linken Bekenntnisse wie eine alte Jacke abgelegt haben, ist Raboni einfach sich selbst treu, konsequent unabhängig, unnachgiebig im einzelnen Fall, nur von eigenen Überzeugungen und der eigenen Moralauffassung gelenkt.

So hat er eher als viele andere das Verblassen des politischen Protests angesichts einer immer komplexeren Realität wahrgenommen und hat ihre Ungreifbarkeit und Unangreifbarkeit neu zu fassen versucht: „Nel grave sogno“, wie „in einem schweren Traum“ erscheint sie in der folgenden Sammlung aus dem Jahr 1982, in der sich Fetzen von Wirklichem mit Geträumtem mischen, nach Klärung suchen. Aber dann tritt eine Klärung auf ganz andere Weise in Rabonis Leben und Dichtung: eine Erschütterung, die sich in zwei Serien von Liebesgedichten kristallisiert. Dazwischen, noch einmal, und nicht zufällig, steht jenes zarte, oft traumgestreifte Erinnern an die Toten in dem Band „A tanto caro sangue“ (All dem lieben Blut) aus dem Jahr 1988, von denen das eingangs zitierte Gedicht spricht. Die schmerzliche Innigkeit der Liebesgedichte aus dem Jahr 1985 maskiert, schützt sich mit einem ironischen Titel: „Canzonette mortali“ (Sterbliche Liedchen). Darin heisst es: „Eines Tags verlass ich dich, jeden Tag/ Tag um Tag verlass ich dich, meine Seele/ aus Eifersucht des Alters, aus Angst/dich zu verlieren oder einfach/weil ich aufhören werde zu leben.“ Denn kaum ein Gedanke an die Liebe ist möglich ohne das Bewußtsein der Sterblichkeit. „… Besser du weißt nicht, mit welchen Gebeten ich einschlafe“. Die Gedichtfolge „Versi guerrieri e amorosi“ (Kriegs- und Liebesverse, 1990) führt diese Linie weiter. Kindheitserinnerungen aus der Zeit des zweiten Weltkriegs, wunderbare kleine, fest umrissene Bilder, Momente, die sich tief eingeprägt haben und also die wirklich erlebte Geschichte sind, diese Momente überlagern sich mit Gedanken an die Geliebte im Jetzt und Hier. Sie produzieren ein Schweben zwischen den Zeiten, eine schmerzliche Sehnsucht, die nicht nostalgisch ist, sondern produktiv, neuen Ausdruck sucht. In dieser Phase des Sprechens von Ungreifbarem, der Zeitüberlagerung besinnt sich der Dichter auf die Tradition des Motivs „Krieg/ Liebe“ aus der Troubadourdichtung; denn Raboni ist immer auch ein gelehrt-belesener Dichter. Was anfangs als formales Experiment erscheint, als Kraftprobe und Kampf mit dem komplizierten Bau der Sestine, wird allmählich zum Formprinzip. Hier bietet sich ein Ausdruck, der nicht mehr unbeschränkt, frei dahinfließt. Denn die „Freiheit“ des Blankverses hat sich an diesem Punkt als Begrenzung erwiesen, nun gebirt der Zwang neue Inspiration. Aus dem Zusammenprall eines modernen Redens mit dem Käfig der Tradition entspringen Funken, neue Wirkungen. Die Einschränkung verlangt eine andere poetische Konzentration. Reim und Silbenzahl geben Gestalt, eine „ultimative Form“, nennt sie der Dichter Andrea Zanzotto in einem Kommentar aus dem Jahr 1993. Kein Revival, kein Historizismus, und noch weniger blosses Spiel. Nie wird die Form parodistisch missbraucht. Sie wird neu gefüllt, gebrochen, in ein fliessendes Sprechen umgesetzt, in ein unaufhörliches Variieren, das bis zum Äußersten des enjambement geht, manchmal bis zu einem spürbaren Stolpern, das Unruhe und Spannung erzeugt. Noch deutlicher wird dieses neue Formgefühl in den Sonetten, die in den Dichtungen der neunziger Jahre, „Ogni terzo pensiero“ (Jeder dritte Gedanke, 1993) und „Quare tristis“ (1998), überwiegen. Wieder erwägt, umkreist, betastet der Dichter den Gedanken der Endlichkeit und des Nichtaufhörens: Jeder dritte Gedanke (ein Shakespeare-Zitat) gilt dem Ende. Dem eigenen, gewiß; aber in diesen Gedichten spricht mehr als die Erfahrung der eigenen schweren Erkrankung im Jahr 1987, mit Krankenhausbildern oder einem beinah versagenden Herzen. Erhellend mag hier eine Bemerkung des Dichters über Manzoni sein. „Manchmal denke ich, dieses Italien wäre besser, wenn Manzoni und nicht Leopardi unserer grosser Nationaldichter wäre, der Dichter, den alle (auch nach und trotz der Schule) lieben. Manzoni lieben – auch als Dichter und mehr als Leopardi -, das bedeutet, … dem Mitgefühl für die anderen und für die Geschichte den ersten Platz einzuräumen, vor dem Mitleid mit sich selbst“. Mit anderen und dem Schicksal des eigenen Landes mitfühlen – dies ist der Auftrag, den Raboni auch für sich selbst erkennt. Auch in seinen neuesten Gedichten sind es die anderen, die Lebenden und die geliebten Toten und auch die unfassbaren Bindungen zwischen beiden, um die Rabonis Verse kreisen. Dieses „Kreisen“ ist tatsächlich ein Heranfühlen, Tasten und Suchen, das in der Härte der Form, im Klang, im Vers seine momentane Konsistenz erhält. Das Sonett mit seinen beiden Quartinen umzingelt dieses Wollen, Hinstreben, Träumen und führt über die erste Terzine drängend in die zweite, in die Kristallisation von Geahntem, Ersehntem: zwischen dem Nichts und dem Herzen, der Stille und dem Benennen.

Das Hinzielen auf das Ende, Lebensende, Gedichtende, ist kein Schluss, sondern eher Erfahrung und Ausweitung des Lebens. Es ist ein leiser und leidenschaftlicher Lebensdrang, ein Begehren und Gieren. Oder der Wunsch, auch für diejenigen zu existieren, ihr Leben zu erfüllen und „für sie zu altern“, denen es nicht vergönnt war. Es ist Traum oder träumendes Gespräch mit ihnen. Und es ist die moralische, die geradezu schamlose Frage nach unserer Seele, die „im kleinen Käfig unserer Knochen“ lebt und deren Stimme wir nicht mehr hören.

Quare tristis – warum tut uns

im Wachen und im Schlafen,

im Unterlassen und im Handeln

die Seele so weh?

Wir, die wir sie hüten,

ohne sie zu lieben, ohne sie zu kennen,

im kleinen Käfig unserer Knochen,

wie das Glas einer Laterne

die Flamme hütet,

wir wissen nur, dass sie,

sie, die weder Sehnen noch Blut hat,

unser blutigster Gefährte ist.

Du, unsichtbar wie sie,

schütze uns vor ihrem Schweigen,

mach, daß wir zur Zeit ihre Stimme hören.

Es wäre jedoch ungerecht, nur im Dichter den Seismographen der heimlichen Beben drinnen und draußen, in Individuum und Gesellschaft, zu erkennen und den Kritiker und Essayisten gänzlich in den Hintergrund zu rücken. Zunächst, weil Rabonis Stimme nunmehr seit den siebziger Jahren in der italienischen Öffentlichkeit präsent ist. Der Autor hat diese Tätigkeit einmal selbst eine „militante Literaturkritik“ genannt. Nicht weil er Tendenz-Fahnen schwenkt oder mit modischen Säbeln rasselt. Militant heisst für ihn unbeirrbar, unbeeinflussbar für eine zivile Kultur streiten. Was von seinen Rezensionen und kulturkritischen Artikeln bisher in Buchform greifbar ist (vier kleine Bände: Poesie degli anni `60, 1974; I bei tempi dei brutti libri, 1988; Devozioni perverse, 1994; Contraddetti, 1998), stellt nur einen kleinen Teil dieser umfangreichen, unermüdlichen publizistischen Tätigkeit dar, über die Raboni heute rückblickend selbst erstaunt und ein wenig erschrocken ist. Wie dies alles fassen und ordnen? Hinzu kommt die Theaterkritik, die Raboni von 1987 bis 1998 (seit 1998 ist er Mitglied des Verwaltungsrates des Piccolo Teatro), regelmässig für den „Corriere della Sera“ schrieb. Die Berufung zum Kritiker der wichtigsten Mailänder Tageszeitung überraschte ihn, aber noch mehr die einschlägigen Theaterkreise, ja rief dort geradezu eine kleine Revolution hervor: Da kam einer, der nicht aus der Zunft war, einer von außen, und dazu ein Dichter! Raboni fand sich als exzellenter Literaturkenner, als sprachkundiger, erfahrener Leser und vorurteilsloser Beobachter glänzend und mit offenbarem Vergnügen in die neue Aufgabe. Seine Kritiken bestechen durch ihre kühle Genauigkeit, Distanz und den völligen Mangel an Selbstdarstellungsbedürfnis. Über Qualität und Originalität äußert er sich massvoll, doch unmissverständlich. Auch hier er ist nicht bereit, vorgegebene Formeln auszufüllen, und nimmt mit gespannter Aufmerksamkeit die unterschwelligen Töne und Misstöne einer Inszenierung wahr. Viel weniger zurückhaltend ist der Literaturrezensent und Kulturkritiker. Unbestcchlich, unbeeinflussbar, auf sanfte Art unerbittlich, skizzieren seine Artikel ein Stück italienische Kulturgeschichte, und man darf auf eine grössere Auswahl, die in Vorbereitung ist, gespannt sein. Rabonis Urteile sind scharf, voll Witz, auch wenn sie wie leise Randbemerkungen formuliert werden. Nie gibt es Verdikte ohne Begründung, nie den krachenden Verriss. Oft genügt milde Ironie, wie im Fall von Alessandro Baricco, den Raboni als den „Klassenersten“ charakterisiert, der in jeder Situation mit einem neuen Werk die richtige Antwort weiß. Umberto Ecos „Foucaultsches Pendel“ könnte Raboni zufolge alles mögliche sein: eine Umfrage des „Espresso“, eine Enzyklopädie in Taschenbuchformat, ein Jahrgang einer Rätselzeitung, und darum verzichtet er auf ein literarisches Urteil, da „der Tatbestand nicht vorliegt“. Ein tiefes Misstrauen gegen Vereinfachung und Verbilligung der Ideen lässt ihn zu Urteilen kommen, die in Italien schockiert haben, wie das über Calvino, dessen letzte Werke er als „sublimierte Röntgenaufnahme seiner selbst“ apostrophiert hat, oder das über den in Italien hochverehrten Borges, über den er nach genauer Analyse feststellt: „Bei Borges reist man billig ins Unendliche, und die Rückfahrkarte ist im Preis inbegriffen. “Sehr früh schon hat Raboni die gleichzeitige Verflachung und Beschleunigung des Literaturbetriebs gesehen, oder in der widerlichen Primitivität des ersten Abendprogramms des italienischen Fernsehens die „Verachtung der Oberen für die arbeitenden Menschen“ erkannt. Unnachgiebig, doch immer leise, ist Rabonis Stimme im allgemeinen Geschrei und Spektakel des italienischen Kulturbetriebs erstaunlicherweise unüberhörbar – und steht nicht im Gegensatz zu seiner heute zutiefst persönlich klingenden Dichtung, sondern in Übereinstimmung mit ihr: die zivile Vernunft des Publizisten entspricht genau demselben Manzonischen Credo wie die Frage des Poeten nach der menschlichen Seele, nach wahrer Humanität.

Es ist beeindruckend, Giovanni Raboni lesen zu hören. Seine Stimme ist ebenso verhalten wie seine Texte, sie hat nichts vom Dichterpathos, das in Italien bei Rezitationen durchaus noch gepflegt und geliebt wird. Sie hat nichts Theatralisches, auch nicht in ihrer Zurückhaltung. Sie ist andererseits auch kein ängstliches oder neutrales Murmeln. Raboni liest seine Gedichte, als entstünden sic in diesem Augenblick, als kämen sie überraschend aus seinem Innern und müssten sich äussern. Es ist eine Art zu lesen, mit der sich der Dichter in berührender Aufrichtigkeit preisgibt und mitteilt, so dass der Zuhörer ein Gefühl für den Prozess des Dichtens bekommt, eine Ahnung von der Langsamkeit, Verschlungenheit, Vetracktheit dieser Arbeit – und von ihrer inneren Notwendigkeit. Man begreift, daß dieser Mailänder Poet nicht heimatverbunden von Mailand oder der Lombardei spricht, man hört, dass Liebe und Tod nicht die bekannten Gemeinplätze, die beliebte „klingende Münze der Poesie“ (Piergiorgio Bellocchio) sind. Das „Material“ der Realität, unerlässlich, nötig, geliebt, trägt eine beharrliche und schmerzliche Suche. Eine Stimme, ein Dichten, das leise und diskret bleibt, das nicht verletzt, doch berührt und sich mitfühlend offenbart mit seinen wenigen Gewißheiten und beunruhigenden Fragen.

Christine Wolter «NEUE ZÜRCHER ZEITUNG», 3 März 2001